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Der Tag heute war wohl einer von den besseren. Ob es wohl jemals einen guten geben wird? Ich habe gedacht, dass ich nun langsam mit den Erinnerungen beginnen kann, aber noch ist nicht die Zeit dafür. Noch muss ich mich täglich, ja stündlich mit deinem Fehlen auseinander setzen. Wir haben heute einen Spieleabend gemacht. Du hast gefehlt. Du bist zwar überall, aber doch nicht da. Ich wünsche mir so sehr, dass dieses unglaubliche Gefühl deiner Nähe niemals vergeht. Schlaf gut, mein Hasebär.

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Gerade wird mein Herz wieder traurig. Heute war Geburtstag. Die Feier war trotz allem schön, aber dieses Nach Hause kommen, ohne dich. Es ist so schwer. Immer dieses erschüttert sein, wenn wir von deinem Schicksal sprechen. Es wäre natürlich nicht schön, wenn alle darüber hinweg gehen, aber die Verzweiflung, die ich in den Augen der anderen lese, ist kaum ertragbar. Gestern waren wir beim Eierlauf im Park. Das war schön. Unsere Danksagung ist auch in der Zeitung erschienen. Ich hatte gehofft, dass ist dann sowas wie ein Abschluss unseres alten Lebens, aber das ist es nicht. Ich bin da noch lange, lange nicht durch. Die Gitterstäbe, die ich in den letzten beiden Tage zersägt habe, beginnen gerade wieder zu wachsen. Mein Hofgang ist beendet. Mal sehen, ob ich morgen Kraft finde, deine Sachen einzupacken. Ich spüre, es muss jetzt bald sein, sonst schaffe ich das nie. Wenn alles weg ist, werde ich mich leer und verlassen fühlen, aber wenn die Sachen da hängen und ich immer darüber nachdenke, warum du sie nicht tragen kannst, ist das tausend mal schlimmer. Ich habe immer noch deinen Pullover, deine Jeansjacke und ein paar andere Sachen. Sie werden mich einhüllen und halten, so wie du. Ich vermisse dich so unbeschreiblich. Schade, dass es bei dir keine Besuchszeiten gibt, sonst würde ich gleich eine Dauerkarte beantragen. Einmal noch in deine Arme sinken, dir in die Augen schauen, dich küssen und bei dir einschlafen. Nur einmal. Alles, sogar mein Leben gäbe ich dafür her. Aber es kommt keine Zauberfee. Komm du doch wenigstens in meine Träume. Vielleicht hilft das ja. Schlaf gut mein lieber, schöner Du.

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Vor mir steht einer von diesen großen weißen Säcken, in die ich gleich dein Leben stecken werde. Ich weiß noch nicht, welches Gefühl da gerade bei mir anklopft. Falsch fühlt es sich an, weil du zu jung zum weggehen warst. In den Sack gehören die Sachen eines alten Mannes. Alte Pullover, löchrige Pantoffeln, graue Unterhosen, labberige Schlafanzüge. Das gehört da rein. Keine Sportsachen, Laufschuhe, T-Shirts und Jeans. Okay, die graue Unterhose ist trotzdem dabei. Jetzt lachst du bestimmt.

In der sogenannten Mitte des Lebens war Schluß für dich. Wenn ich mir heute so überlege, als unsere Jule geboren wurde, war für dich schon Halbzeit. Sieht aufgeschrieben noch unsinniger aus, als es sich beim denken anfühlt. Wie kann man denn mit 25 schon die Hälfte seines Lebens hinter sich haben?

Weißt du, was ich beim Arzt heute ganz schwer ertragen konnte? Es waren nicht die Leute unseres Alters, deren Leben teilweise so nutzlos dahin plätschert. Nein, die alten Leute konnte ich nicht aushalten. Nie werde ich sehen können, wie du so alt ausgesehen hättest, nur mich selber werde ich alt und grau im Spiegel sehen.

Es läßt sich nicht ändern, Zeit läßt sich nicht zurück drehen. Der Tod verhandelt nicht, weder vorwärts noch rückwirkend.

Ich benutze weder das Verb noch das Substantiv, was dein Fortgehen beschreibt. Nur wenn ich an Behörden schreiben muss. Wenn ich hier schreibe, dann ist es, als würde ich mit dir reden. Stelle ich eine Frage, dann bekomme ich manchmal sogar eine Antwort.

Im Nachhinein betrachtet, hätte ich dir gern häufiger gesagt, dass ich dich sehr liebe. Aber du wusstest das ja auch so. Diese drei Worte haben wir nie sinnlos um uns geworfen. Die waren was besonderes. Eigentlich waren sie auch immer ein wenig sperrig. Ich habe lieber gesagt: „Weißte was? Ich hab dich lieb und zwar ganz schön dolle“. Und ich habe gefragt: „Liebste mir denn auch?“ Dann hast du gelacht und gesagt „Na klar.“

Und jetzt, packe ich deine Sachen. Ich schicke sie dir hinterher und was du nicht brauchst, dass schmeißt du weg. Aber du kannst ja nichts weg werfen. Wenn wir uns wieder sehen, dann ist der ganze Kram noch da. Ich werde ein wenig mit dir schimpfen und du wirst sagen „Ach Häschen“ und dann gehen wir laufen.

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