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Jeden Tag habe ich Angst, dass mir am Abend nichts zum schreiben einfällt. Unseren Tagesablauf will ich nicht schildern. Den kennst du. Was außen ist, kann ja jeder sehen, aber wie es in mir aussieht, dass kann man ja nicht sehen. Immer wieder passiert es mir, dass ich etwas sehe oder höre und denke, dass muss ich dem Ingo erzählen. Aber dann wird mir bewusst, dass ich das nicht so einfach kann. Einerseits weiß ich, dass du hier immer irgendwo bist, aber mir fehlt deine Stimme. Ich vermisse deine Gesten, deine Nähe. Ja sogar dein Genervtsein, wenn ich aus dem Wohnzimmer was gerufen hast, was du in der Küche trotz Hörgerät nicht hören konntest. „Ach Häschen, du weißt doch dass ich nichts versteh, wenn der Fernseher an ist.“ Klar wusste ich das, aber manchmal hab ich das mit Absicht gemacht, damit du halb wütend zu mir ins Wohnzimmer gerannt bist und ich dich anlächeln konnte und deine Wut verflog.

Mit wem spreche ich denn jetzt? Mit wem entscheide ich, welche Geschenke die Kinder bekommen, wohin es in den Urlaub geht, was wir für Gemüse anbauen………..

Die Frage nach dem Warum, die ich mich zu stellen erst nicht getraut habe, macht mir keine Angst. Ich weiß, dass es keine Antwort geben kann. Außer deine Standard-Antwort, mit der du alle Zweifel verscheucht hast – WEIL ES EBEN SO IST! Das genau würdest du sagen.

Die Frage nach dem großen Sinn gab es glaube ich für dich nicht. Die kleinen Dinge, die mussten Sinn haben. Zeit durfte nicht sinnlos vergeudet werden. Auch ausruhen und faulenzen musste genossen werden. Du hast dich nie wichtig genommen. Für die Welt, hast du immer gesagt, sind wir kleine Lichter. Ich glaube, du irrst dich. Du warst für ganz ganz viele Menschen ein großes Licht und für mich ein Scheinwerfer, meine Sonne. Du wurdest wohl irgendwo dringend gebraucht. Alles hat seinen Sinn. Darüber können wir aber diskutieren, wenn wir uns wieder sehen.

Wieviele Tage werde ich wohl schmerzfrei bleiben? Dann holt sie mich wieder ein, die Verzweiflung und die Trauer. Wut habe ich keine. Auf wen denn? Ich kann ja keinen verantwortlich machen. Enttäuschung, ja die gibt es, aber eher von Menschen, die einfach die Straßenseite wechseln, weil sie nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen.

Morgen geben wir dein Auto ab.

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Ein schwerer Tag ist heute. Alle wünschen sich frohe Ostern, sogar mir. Ich will nur irgendwie durch kommen. Wie sollen denn die Tage froh werden? Ostern ist mir so egal.

Ich habe trotz meiner eigenen Last ständig das Gefühl alle trösten zu müssen. Das zehrt an meinen Kräften. Wer kann mir Trost geben? Niemand!

Dein Auto haben wir heute in deiner Firma angegeben. Wieder ist ein Stück von Dir verschwunden. Etwas, was nie wieder kehrt. Du wirst nie wieder diese Strecke fahren. Nie wieder wird dein Auto auf dem Hof parken. Mein Herz wird nicht mehr stolpern, wenn ich dein Auto vor dem Haus sehe. NIE MEHR!

Auf dem Friedhof war es schlimm. Jetzt, wo alle Blumen weggeräumt sind, ist alles vorbei. Die aufregende Zeit, für dich eine tolle Feier zu organisieren. Ich bin gerade dabei in ein tiefes schwarzes Loch zu fallen und das Böse sitzt schon unten und reibt sich die Hände.

Wenn ich ins Haus komme und „Hallo, bin da!“ rufe, kommt keine Antwort. Nicht, weil du laufen bist oder ich wieder vergessen habe, dass du zur Blutspende bist, nein, weil du nie mehr wieder kommst.

Deine Arme, dein Lächeln. Auf nichts von dir kann ich verzichten und muss es doch bis zum Rest dieses verdammten Lebens.

Mein mühsam aufgestelltes Kartenhaus bricht zusammen. Die Gitterstäbe von meinem Gefängnis sind wieder da. Genauso fest wie vorher. Morgen heißt es wieder sägen.

Das Schreiben befreit mich immer wieder ein Stück von meinem Kettenhemd der Traurigkeit. Wir haben überlegt, wie es uns wohl nächstes Jahr Ostern geht. Wir haben Angst davor, dass es uns gut gehen könnte. Ich möchte weinen, aber auch wieder nicht. Es tut weh, aber manchmal befreit es auch. Wie kann ich das aushalten? WIE? und WARUM?

Bleib bei mir, für immer!

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Ich glaube, heute ist einer der erträglichen Tage. Wie nennt man diesen Zustand. Hoffnung? Zuversicht? Man jagt jedem Zipfel Licht hinterher. Es ist wie ein Morgen nach dem regen. Abgewaschen, aber noch lange nicht sauber. Ich schaue auf unseren Teich und sehe dich jeden Morgen darin schwimmen. Vielleicht mache ich das auch? Ach was, ich Frostbeule. Nie im Leben.

Heute komme ich wohl ein ganzes Stück weiter mit meinen Gitterstäben und ich hoffe auf einen langen Hofgang.

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Zwiegespräch mit einem anderen trauernden:

Nur weil eine Sache gescheitert ist, heißt das nicht, sein ganzes Leben Infrage zu stellen. Immer wenn ich meine traurigen Zeiten hatte, dann hat er mich machen lassen. Aber er hat mich beobachtet und ich wusste, wenn es nicht mehr geht, dann ist er da. So wie er wusste, dass ich mich an ihn wende, wenn ich nicht mehr kann. Das ist Vertrauen, das ist Liebe, das ist Freundschaft – einfach das, was unser Glück ausgemacht hat. Ich hoffe, dass er meine Traurigkeit, die vor dem hier immer über mich herein gebrochen ist, mitgenommen hat. Ja, ich glaube sogar, das hat er. Ich spüre diese bleiernde Depression nicht mehr. Sie ist so klein und unwichtig geworden. Ich kann all meine verbliebene Energie nutzen, nach vorne zu schauen. Manchmal reicht sie nicht sehr weit, aber er ist wie die Batterie unserer Solaranlage. Sobald keine Sonne da ist, schickt er mir Energie.

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